Slumdog Millionaire

Slumdog Millionaire

von Danny Boyle, mit Dev Patel, Anil Kapoor, Madhur Mittal, Mahesh Manjrekar und Freida Pinto

Slumdog Millionaire

Slumdog Millionaire

Jamal ist Kummer gewöhnt. Aufgewachsen in den Slums von Mumbai, erst als Halb-, später als Vollwaise, hat er sich nicht nur metaphorisch immer wieder aus der Scheiße gekämpft – ‚Never Ever Give Up!‘ könnte sein Lebensmotto sein. Während sein Bruder Salim dem Ruf des schnellen Geldes gefolgt und in der Unterwelt zu einer respekablen Größe herangewachsen ist, strebt Jamal nach höherem: Er will seine große Jugendliebe Latika aufspüren, um sie für immer aus den Klauen der Mächte zu befreien, die sie ihm immer wieder entrissen haben. Das ihn das ausgerechnet in die Endrunde der indischen Version von Who wants to be a Millionaire? führt, ist eine weitere Ironie des Schicksals. Die Polizei hat jedoch wenig Sinn für Ironie, sie glaubt da mehr an Betrug. Und geht wenig zimperlich ans Werk, das auch zu beweisen. Anhand der Videoaufzeichnung hangeln sie sich in Jamals Verhör von Frage zu Frage, von der (fast) jede durch eine schicksalhafte Fügung mit einem Kapitel in Jamals Leben verknüpft ist, die ihm die richtige Antwort weist. Dass muss schließlich auch der Polizeiinspektor anerkennen, so dass Jamal sich wieder der letzten, entscheidenden Runde des Quiz widmen kann, in der es für ihn um alles geht. Nur nicht ums Geld.

Das ganze Leben ist ein Quiz, prägnanter hätte Hape Kerkerling diesen Film auch nicht zusammenfassen können. Seit dieser Film, der beinahe nie in die Kinos gekommen wäre, bei der Oscarverleihung 8 der Trophäen abräumte und Benjamin Button weit hinter sich zurückließ, konnte man sich der sich überschlagenden Berichterstattung zu diesem Film kaum entziehen, dessen Entstehungsgeschichte ähnlich abenteuerlich ist wie der Film selbst. Warum der Film, der seit einem Monat in deutscher Fassung auf einschlägigen Raubkopiererseiten zu finden ist, erst jetzt in die Kinos kommt, ist mir rätselhaft. So aber war das dem Trophäenregen folgende Vakuum durch die der Berichterstattung entnommenen Eckpunkte der Geschichte schonmal soweit gefüllt, dass der Kinobesuch kaum noch Überraschungen mit sich brachte – von den dauerplaudernden Mädels auf den Nachbarsitzen mal abgesehen. Mist.
Von diesem persönlichen Einzelschicksal mal abgesehen konnte der Film die sehr hohen Erwartungen aber dennoch erfüllen, so dass man Danny Boyle einen Sieg an allen Fronten bescheinigen kann. Die Entscheidung, den Film vor Ort mit teilweise dort rekrutierten Laiendarstellern (insbesondere für die Kinder) zu drehen, dazu noch über große Strecken mit Dialogen auf Hindi, verleiht dem Film eine ungekannte Authentizität und Bildgewalt, sie transportiert die Athmosphäre einer brodelnden, vor Energie und Sinneseindrücken strotzenden Metropole in überwältigender Weise auf die Leinwand. Beschönigt wird hier nichts, einige Szenen sind unglaublich brutal, andere unglaublich real, noch andere unglaublich schön. Untermalt wird all das mit Musik vom indischen Superstar A.R. Rahman, die nicht nur wie das i-Tüpfelchen zum Film passt, sondern auch mit zwei OSCARS ausgezeichnet wurde – den Soundtrack sollte man zu Hause haben.

Doch all das ist nur die Verpackung einer uralten, epischen Geschichte über Gut und Böse, über die Verlockungen des Geldes, die (man verzeihe mir dies) Verlockungen der Dunklen Seite der Macht, der der eine Bruder erliegt, und die eine, wahre, reine, große Liebe, der der andere Bruder erliegt. Nicht zu vergessen das Thema des Tellerwäschers, der zum Millionär wird. Wobei, passend zur Finanzkrise, dieses Thema lustigerweise ins Leere läuft: Für Jamal ist das Geld bedeutungslos, für ihn zählt nur die Liebe – das sollte sich mal einige Finanzvorstände zu Herzen nehmen. Aber ich schweife ab.

Dieser Film ist definitv eine der großen Überraschungen des Jahres. Fernab ausgetretener Pfade ist er perfektes, innovatives, visuelles und episches Unterhaltungskino, wie man es sich öfter wünscht. Hier springt ein Funke über, hier hat ein jemand mit Herzblut gegen alle Widerstände eine große Geschichte geschaffen, die uns noch eine ganze Weile begleiten wird. Spätestens beim Bollywood-Style Abspann. Auch wenn es ermüdet: 9/10 Punkten

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