Hugo

Hugo

von Martin Scorsese, mit Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Sacha Baron Cohen und Ben Kingsley

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Der Oscar rückt immer näher, und es gibt noch viele Filme zu sehen. Diesmal war nun endlich der Favorit mit 11 Nominierungen dran: Hugo Cabret von Altmeister Martin Scorsese, gedreht in 3D und mit einem vielversprechenden Trailer voller Magie. Doch man kennt einen Film bekanntlich nicht, bevor man ihn gesehen hat.

Seit sein geliebter Vater bei einem Unfall ums Leben kam, wohnt und arbeitet Hugo Cabret bei seinem Onkel im Pariser Bahnhof Montparnasse. Dort kümmert Hugo sich hinter den Kulissen um die zahlreichen Bahnhofsuhren, von den ganz kleinen bis zur großen Turmuhr. Das TAlent für Uhren hat er von seinem Vater geerbt, und er hat wirklich ein Händchen dafür. So kommt es auch, dass er in seiner Freizeit einen Automaten repariert, den sein Vater einst in einem Museum ersteigerte. Der Automat sieht aus wie eine metallener Mensch, der an einen Tisch gesetzt schreiben kann. Was er schreibt, das weiß man nicht. Doch Hugo vermutet, dass es ein Hinweis seines Vaters ist, und so setzt er alles daran, den Maschinenmann wieder instand zusetzen. Als Hilfe dient ihm das alte Notizbuch seines Vaters, in dem er alle Details der nötigen Uhrwerke niederschrieb.

Natürlich hilft das Wissen alleine nicht, Hugo braucht auch Ersatzteile. Die klaut er notgedrungen bei dem alten Mann aus dem Spielzeugladen, einem Monsieur Méliès. Doch als der ihn dabei erwischt, nimmt er ihm zur Strafe das Notizbuch ab. Verzweifelt verfolgt Hugo ihn nach Hause, um es sich wiederzuholen. Dort trifft er auf die pfiffige Isabelle, die ihm schließlich dabei hilft. Doch was die beiden nicht ahnen ist, dass sie damit nur das erste einer ganze Reihe von Geheimnissen aufzulösen beginnen. Möge das Abenteuer beginnen…


Dieser Film hat alles, was man braucht. Tolle Darsteller wie Ben Kingsley und Jude Law, Paris, fantastische Kulissen, traumhafte Ausstattung, imposante (3D-)Bilder und eine geheimnisvolle Geschichte. Nur leider funktioniert er nicht. „Bemüht“ war der Kommentar meiner Begleitung, was es ganz gut auf den Punkt bringt.

Scorsese bemüht sich, einen magischen, modernen, opulenten, technisch perfekten Film zu machen, verheddert sich aber gründlich in den eigenen Ansprüchen. Zugegeben, der Film hat viele magische Momente, die aber in der Regel schnell wieder abgewürgt werden. Da wäre etwa der Maschinenmann, der die erste Hälfte dominiert, um in der zweiten keine Rolle mehr zu spielen, das Mysterium um den Spielzeughändler, dass eigentlich keines ist, um nur zwei zu nennen – irgendwie schafft es Scorsese nicht, dem roten Faden zu folgen, sondern er schnappt sich ständig neue und vergisst die alten. Da bleibt der Zuschauer oft zurück und fragt sich, worauf er denn nun hinauswill.

Wie so oft sollen diese Macken mit viel Blendwerk überstrahlt werden, welches zugegebenermaßen sehr edel ist. Die Ausstatter haben aus dem Vollen geschöpft und die Kulissen mit Uhrwerken, Maschinen und Bildern vollgestopft, haben zauberhafte Schauplätze geschaffen und ein kitschiges, fast schon etwas zu steriles Postkarten-Paris erschaffen, das seinesgleichen sucht. Egal wo die Kamera verweilt, der Zuschauer hat immer reichlich zu bestaunen. Die 3D-Effekte setzen Standards, wobei sich das 3D-Staunen auf meiner Seite allmählich in Grenzen hält – ist halt mal ganz nett, aber macht die Filme nicht besser. Dennoch, auf technischer und optischer Seite ist der Film perfekt.

Bei allen technischen Stärken sind die Schwächen aber unübersehbar. Zuerst einmal sind die Kinderdarsteller, sorry, mit ihren Rollen deutlich überfordert – wer mal „Super 8“ gesehen hat, weiß, was da möglich ist. Die Erwachsenen wiederum sind eher unterfordert mit ihren Stereotypen Rollen. Ben Kingsley langweilt sich in einer Rolle ohne Tiefe, Christopher Lee wird zum finster dreinblickenden Kleiderständer degradiert und Jude Law als einziger Lichtblick viel zu schnell, sorry für das Wortspiel, verheizt. Sacha Baron Cohen (aka ‚Ali G.‘, ‚Borat‘ und ‚Brüno‘) bekommt da schon mehr zu tun, bleibt dann aber auch als witzig-bedrohlicher Sidekick in seiner Rolle als Witzfigur stecken. Jeder Versuch, den Figuren Tiefe einzuhauchen, wird meist schnell der Garaus gemacht, so dass es schwer fällt, sich mit ihnen zu identifizieren. Bizarrerweise ist der einzige, der eine echte Wandlung durchmacht, ein Dackel. Schade, schade, schade.

Bleibt als letztes Manko das Drehbuch. Wie schon angedeutet, es fehlt der rote Faden. Geht es um Hugos Suche nach seinem Vater? Um das Geheimnis des Maschinenmannes? Geht es um einen verschollenen Filmemacher? Geht es um den Film an sich? Ist ein Film für Kinder? Für Erwachsene? So richtig wird es nicht klar. Die Handlung läuft am Zuschauer vorbei, statt ihn einzufangen, Spannung kommt kaum auf, sondern wird von Effekten abgewürgt, sorgfältigst choreographierte Bilder stehen peinlichen Drehbuchlücken gegenüber (ein paar davon habe ich unten zusammengestellt). Gerade letzteres verstehe ich einfach nicht. Bei einem 170 Mio. $ Budhet muss es doch drin sein, etwas mehr Sorgfalt in das zu stecken, wofür man eigentlich ins Kino geht – eine gute Geschichte! Stattdessen fließt das Geld in teure Effekte, die von diesem Umstand ablenken sollen. Sehr, sehr schade.

Was soll ich sagen. In einem Film fließen viele Gewerke zusammen, Ausstattung, Kostüme, Kamera, Ton, Schauspieler, Drehbuchautoren uva. Die Aufgabe des Regisseurs ist es, dabei die Fäden in der Hand zu halten und daraus ein gefälliges Gesamtwerk zu machen, dass seine Vision am besten umsetzt. Genau das ist Scorsese nicht gelungen. Ob er keine Vision hatte oder sich George-Lucas-mäßig in den Möglichkeiten der Technik verloren hat, wage ich nicht zu beurteilen. So oder ist es schade, denn dieser Film hatte Potential. Doch so reicht es nur für (5/10).


Kleine Liste mit ungeklärten Fragen – bitte nur lesen, wenn Ihr den Film schon kennt oder Euch nicht mehr überraschen lassen wollt…

  • Eine Lok muss eine Vollbremsung machen, weil Hugo auf den Gleisen rumturnt. Loks fahren aber nicht mit Volldampf in Bahnhöfe ein, schon gar nicht in Sackbahnhöfe, wo das größere Problem 20m hinter Hugo in Form des Prellbocks wartet. Das ist so abgrundtief weltfremd, dass man sich fragt ob, ob Scorsese jemals einen Bahnhof gesehen hat??
  • Hugo bekommt das für die Reparatur angeblich so wichtige Notizbuch gar nicht wieder (oder habe ich da was verpasst?). Er repariert den Roboter trotzdem und fragt auch nie wieder danach. Etwas vergesslich, der kleine.
  • Hugo arbeitet seit langem verzweifelt an der Reparatur des Maschinenmannes. Und als er endlich damit fertig ist, den Schlüssel findet, der Roboter aber nicht gleich funktioniert, will er auf einmal aufgeben. Nicht nochmal aufziehen, dran rumschrauben oder so, sondern einfach sein lassen. Glaub ich nicht.
  • Dazu passend: Warum kommt Hugo als begabter Uhrmacher und Schlossknacker nicht auf die Idee, das Herzschloss der Malmaschine zu knacken?
  • Und ein letzter: Die Kinder lassen den Roboter ein Bild malen. Da würde sich doch jeder fragen: Kann er vielleicht noch ein anderes Bild malen? Malt er immer das selbe? Doch statt das auszuprobieren, lassen die Mini-Detektive das Ding danach in der Ecke verstauben.
  • Das große, bittere, schmerzhafte, für Kinder unerträgliche Geheimnis von George Melies ist, dass nach dem Krieg niemand mehr seine Filme sehen wollte und er das deshalb einfach aufgegeben hat? Und nie wieder über einen Neuanfang nachgedacht hat? Da ist ja die Auflösung von LOST besser :-\
  • Rene Tabard als der große Melies-Kenner hat über Jahre nur einen Film auftreiben können, aber nach dessen Comeback findet er auf einmal 80?
  • Hugo findet einen Job bei Melies im Spielzeugladen, aber läuft trotzdem vor dem Stationsvorsteher davon? Wie wärs mal mit „Ich arbeite hier, Spacko.“??

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