Radiohead – The King of Limbs

Wieder einmal gelingt es den Mitgliedern von Radiohead mit einer Veröffentlichung im Alleingang die Musikindustrie in ihren Grundfesten zu erschüttern. Während andere Bands der Veröffentlichung eines neuen Albums wochenlange Promoaktionen, Fernsehauftritte und Privatenthüllungen vorausschicken, um die Verkaufszahlen des Albums anzukurbeln (wir erinnern uns an die herzerwärmenden Wiederanfreundungsgeschichten von Take That aus dem letzten Herbst), sendeten Radiohead letzten Montag exakt vier Tage vor der digitalen Veröffentlichung von The King of Limbs eine schnöde email an ihre Fangemeinde mit dem Inhalt: „Thank you for waiting.“ Für diese wurde es die wohl längste Woche des Jahres, bis das Album dann am Freitag endlich heruntergeladen werden konnte.

Nicht nur die Downoad-Aktivitäten sondern auch die daraufhin ins Netz katapultierten, durchweg positiven Schnellrezensionen hatten ein Datenvolumen, welches die New York Times gar dazu bewegte, von einem „Internet-Tsunami“ zu sprechen.

Während nun die Mitglieder der Radiohead-Gemeinde unter ihre Kopfhörer flüchten und einen vorgezogenen Frühling erleben, reibt sich der Rest der musikinteressierten Welt nur verwundert die Augen und spielt vermutlich nicht mal mit dem Gedanken, sich The King of Limbs jemals anzuhören, geschweige denn runter zu laden. Sind diese gerade mal 8 Lieder den ganzen Rummel jetzt wert, oder nicht?

Nun, Radiohead machen dem Zuhörer den Zugang zu ihren Werken ja nie besonders leicht. Diesmal stellt sich das erste Lied „Bloom“ breitbeinig wie ein Türsteher vor den Eingang des Albums und verschreckt mit seinen verschachtelten Dub-Beats und Soundeffekten. Doch schon das zweite „Morning Mr Magpie“ begrüßt mit weicher Greenwood-Gitarre und treibendem Bass den Ankömmling und Thom Yorke überrascht mit Gesangstrukturen, in denen man ohne weiteres Strophe und Refrain erkennt. Eines dieser typischen Radiohead-Lieder, die bei jedem Hören wachsen und das sich mit Sicherheit zu einem großen Hit entwickeln wird.

Überhaupt finden sich auf The King of Limbs einige Lieder, zu denen sich ein schneller Zugang finden lässt. Da wäre das grandiose „Lotus Flower“ – so etwas wie die erste Single des Albums – zu der die Band auch ein Video des dazu tanzenden Thom Yorke in Netz gestellt hat (siehe unten!). „Codex“ ist eine Piano-Ballade vom allerfeinsten, die auch Death Cab for Cutie-Fans begeistern sollte, und „Separator“ ist definitiv der eingängigste Abschluss eines Radiohead-Albums seit „The Tourist“ auf dem 1997er Meilenstein OK Computer.

Dazwischen finden sich aber auch Lieder, zu denen ich selbst nach einem Wochenende mit Dauerrotation beim besten Willen nicht viel sagen kann, außer dass ich mich auf die nächsten Wochen und Monate freue, in denen diese Songs immer weiter wachsen werden. Es stimmt, Radiohead verlangen dem potentiellen Hörer einiges ab, allem voran benötigt man eine gute Portion Geduld, um in die Klangräume der Briten vorzudringen. Und es ist natürlich jedem selbst überlassen, ob man diese Geduld aufbringen möchte, oder nicht. Man sollte sich nur darüber bewusst sein, was man verpasst.
(9 Punkte)

Diskografie von Radiohead:
1993 – Pablo Honey
1995 – The Bends
1997 – OK Computer
1998 – Airbag/How Am I Driving?-EP (B-Sides from OK Computer)
2000 – Kid A
2001 – Amnesiac
2003 – Hail to the Thief
2004 – Com Lag – 2+2=5-EP (B-Sides from Hail to the thief)
2007 – In Rainbows
2011 – The King of Limbs

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