Das schönste Album von Wir sind Helden: Bring mich nach Hause

Die beste deutsche Band der Nuller Jahre veröffentlicht ihr schönstes Album… Das wäre tatsächlich mal die Gelegenheit für eine „Ein-Satz-Rezension“, denn jeder weitere Kommentar zu dem neuen Album von Wir sind Helden ist eigentlich überflüssig. Da die überflüssigen Dinge aber zu den schönsten des Lebens gehören, seien mir noch ein paar wenige Anmerkungen gestattet.

Die Musik von Wir sind Helden hat sich verändert. Das zappelige, nervöse Songwriting ist ausgewogeneren Kompositionen gewichen, die Produktion wirkt akustischer und dadurch organischer als früher. Textlich bewegt sich Judith Holofernes weiterhin irgendwo zwischen Joachim Ringelnatz, Franz Kafka und Rio Reiser auf einem derzeit in Deutschland unerreichten Niveau. Die Aussagen ihrer Texte mögen weniger direkt und verschlüsselter sein als auf früheren Alben, sind dadurch doch nicht minder berührend. Gleich das erste Lied „Alles“ mit seinem Coldplayschen Songwriting liefert die besten Beispiele dafür:

Stell dir vor, dass Erlösung nicht nur für Religiöse wär
Rigorose Engel kämen, die richtig böse wären
Wenn du sonst keinem glaubst, würdest du glauben,
Wenn sie sagten: Komm, wir fixieren deine Schrauben,
Wenn sie sagten: Wir nehmen dir deine Krücken,
Sag, würdest du tanzen oder dich danach bücken?

Zugegebenermaßen verstärkt eine frische Kreuzbandoperation noch die Wirkung dieser Zeilen auf den Zuhörer. „Alles“ ist ein wunderbares Lied und ich habe es seit Erscheinen schon gefühlte 500mal gehört.

Hier soll jetzt nicht der Eindruck entstehen, Wir sind Helden hätten das Feiern verlernt. Zu dem extrem eingängigen „Was uns beiden gehört“ sieht man schon die knutschenden Pärchen auf den Tanzflächen Berlins schwofen. Und auch „23.55: Alles auf Anfang“ muss ab sofort auf jeder (Geburtstags-)Party gespielt werden.

Und doch sind es vor allem die ruhigeren Stücke des Albums, die sich ganz tief festsetzen. Die zweite Single „Bring mich nach Hause“ erscheint einem als traurig tröstlicher Epilog zu „Du erkennst mich nicht wieder“. Bei der „Ballade von Wolfgang und Brigitte“ trauert man mit dem armen Wolf (!), dessen altmodische Liebe so gar nicht in die Hippie-Zeit zu passen scheint. Das verstörende „Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt“ beglückt einen mit Zeilen wie

Also, ein Hemd und ohne Taschen, aber ach, ich will mich nicht beklagen
Vielleicht näh ich noch Taschen drauf,
aber dann will ich’s mit Fassung tragen

„Nichts, was wir tun könnten“ ist der perfekte Abschluss dafür.
Nichts, was wir noch sagen könnten? Doch: Danke, Ihr Helden!
(10 Punkte)

Diskografie von Wir sind Helden:
2003 – Die Reklamation
2005 – Von hier an blind
2007 – Soundso
2010 – Bring mich nach Hause

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