Musik für die Spätwinterstürme: Simone White – I am the man

Bitte nicht von dem, doch recht lasziven, Albumcover abschrecken lassen. Musikalisch neigt die Kalifornierin Simone White nicht zu solch üppigen Gesten, sondern präsentiert sich eher zurückhaltend. Während die Sturmtiefs Emma und Kirsten über Deutschland hinwegfegen, hält das Hoch Simone Einzug in die gut geheizten Wohnzimmer und unsere mit zerzausten Haaren bedeckten Häupter.

Mit schönen, unaufgeregten Melodien und einer Stimme, die an Klarheit kaum zu überbieten ist, singt Simone White von den belangvollen und belanglosen Dingen unseres Alltags. Da sinniert sie einmal darüber, dass sie niemals die so viel besungene Sommeraffäre inklusive gebrochenem Herzen im Herbst hatte, und lässt sich davon angenehm deprimieren („I didn’t have a summer romance“). Das nur eineinhalbminütige „The beep beep song“ erzeugt eine Anzahl von Bildern und Melodien im Kopf, die andere nicht auf einer kompletten Albumlänge zusammen bekommen.

Ganz in der Tradition kalifornischer Sängerinnnen wie Janis Joplin und Joan Baez stehend, dürfen auch die politischen Statements auf I am the man nicht fehlen und kommen als echter Wolf im Schafspelz daher. „Do you remember the American war? – We thought it was fun, but it was a bore – Do you remember the American war? – We forgot what we were fighting for“ lautet die ernüchternde Erkenntis im wunderschönen „The American war“. In „Great imperialist state“ inszeniert die Künstlerin sich als „spoiled child“ ihres Landes und zeichnet die totale Entfremdung des modernen Menschen von seinen Konsumgütern anhand gut beobachteter Bilder nach. Simone White ist sowohl die bessere Katie Melua als auch die bessere Leslie Feist, weil sie die schönere Stimme hat und es schafft, trotz der Nähe ihrer Musik eine Distanz zum Hörer zu bewahren und somit der Gefahr des Anbiederns und der Belanglosigkeit zu keinem Zeitpunkt erliegt. Und so passiert es einem mehr als einmal beim Hören des Albums, dass man die Luft anhält und sich nicht zu bewegen wagt, um auch das leiseste Geräusch nicht zu verpassen.
(8 Punkte)

Um mal einen todsicheren Tipp abzugeben: Wer sich von I am the man angesprochen fühlt, wird den Alben der schwedischen Sängerin Anna Ternheim (insbesondere ihrem Debut Somebody outside) ebenso verfallen.

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