Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Birdman

von Alejandro González Iñárritu, mit Michael Keaton, Emma Stone, Edward Norton, Zach Galifianakis und Naomi Watts

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Riggan Thomson ist Birdman. Zumindest war er es, damals, vor 20 Jahren, und es war sein einer, großer Erfolg, der ihn weltberühmt machte. Aber nicht stolz. Keine erstrebenswerte Rolle hat er seitdem erhalten, alle sehen in ihm nur noch Birdman. Sein letzter, verzweifelter Versuch sich von Birdman zu lösen und sich als ernsthafter Künstler zu etablieren ist das Theaterstück Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden, das er am Broadway als Autor, Hauptdarsteller und Coproduzent auf die Bühne bringen will. Neben den üblichen Katastrophen bei solchen Inszenierungen hat jetzt, kurz vor der Premiere vor allem mit seiner frisch drogenentwöhnten Tochter Sam und dem widerspenstigen Method-Actor Mike Shiner so seine lieben Probleme, die ihm den Verstand zu rauben drohen – die Stimme in seinem Kopf, die Stimme von Birdman, die ihn immer wieder in alte Bahnen lenken will, sie wird immer mächtiger…


Ein wirklich außergewöhnlicher Film. Das muss man ihm lassen. Pünktlich zur Oscar-Saison wartet Fox Searchlight mit einem anspruchsvollen Regisseur (Babel, Biutiful), einer anspruchsvollen Handlung, einer ungewöhnlichen Machart und großartigen Darstellern auf, um sich möglichst viele Trophäen zu greifen – ein guter Plan. Doch auch ein guter Film? So sicher scheinen sich die Macher selbst nicht zu sein, anders ist kaum zu erklären, dass der Trailer die wenigen actionreichen Szenen mit cooler Musik deutlich gefälliger arrangiert, um argloses Publikum in diesen doch eher anspruchsvollen Film zu locken.

Einige Außergewöhnlichkeiten hat er auf jeden Fall zu bieten. Zum einen wäre da die Machart, die so wirkt, als wäre er in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht worden (was er nicht ist, aber der Effekt ist dennoch beeindruckend). So folgt die Kamera wechselnden Figuren auf ihren verworrenen Wegen durch die Eingeweide Boradwaytheaters, von der der Garderobe auf die Bühne, weiter in die Requisite, raus auf die Straße und wieder zurück ins Foyer usw. Neben den zahlreichen technischen Herausforderungen bedeutete das für die Darsteller minutenlange Dialoge, bei denen oscarreife Schauspielleistungen durch einen einzigen Patzer am Ende zunichtegemacht werden konnten. Die entsprechende Strichliste wurde übrigens von Emma Stone angeführt.
Auch musikalisch wird dem Zuschauer einiges zugemutet, denn der Film wird ausschließlich durch Percussion begleitet, was einem den Wahnsinn ähnlich nahetreibt wie die Geschehnisse die Hauptfigur. Umso beeindruckender wirken die gelegentlich eingestreuten Spezialeffekte, die in der nahtlosen Handlung hier und da die Superkräfte des Protagonisten demonstrieren und uns wie ihn an Schein und Sein zweifeln lassen.
Trotz all den Finessen ist es aber ein Film, der von den Dialogen der grandios agierenden Darsteller lebt, die uns eingerahmt von der Welt des Theaters mit all ihren Wundern in die inneren Abgründe ihres mit aller Kraft für seine Vision und gegen Widrigkeiten der Welt und seine eigenen Zweifel ankämpft und dafür bereits ist, alles zu opfern. Das ist abgründig, mysteriös, faszinierend und anders. Ob es auch ein guter Film ist, da bin ich immer noch nicht sicher. Ich bin Birdman! (8/10)

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