Die Geister von Berlin: Andrea Schröder – Where The Wild Oceans End

Bereits im Vorwort zu seinem Roman Jeder stirbt für sich allein entschuldigt sich der Autor Hans Fallada dafür, dass „in diesem Buche reichlich viel […] gestorben“ wird. Die Geschichte des Berliner Ehepaars, dass ihren Sohn im Dritten Reich verliert und sich auf seine ganz eigene Art gegen das Naziregime auflehnt, basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Kralle des Todes – so viel sei verraten – schließt sich nicht nur um das Ehepaar selbst, sondern um nahezu jeden, der mit dem Fall in Berührung kommt. Diese tragisch verschiedenen, unerlöst geplagten Seelen beschwört Andrea Schröder in ihrem „Ghosts of Berlin“ wieder herauf und gibt damit all den Opfern Berlins – der Stadt, die wie wohl keine zweite europäische von der Geschichte des 20. Jahrhunderts durchgeschüttelt wurde – eine gemeinsame Hymne, die weit über 2014 hinaus erklingen wird.


Die überraschend dunkle Stimme der Sängerin, gepaart mit der oft akustischen, immer glasklaren Produktion, ergeben eine fast luftige Morbidität in vielen der Liedern, die weit aus der deutschen Musiklandschaft herausragt, und dass obwohl die meistens englischen Texte nicht gerade vor Ideenreichtum sprühen. „My mouth is dry – of unspoken words“ lautet entsprechend auch die erste Zeile des Albums in „Dead Man’s Eyes“ und weist den Weg auf den schmalen Grat zwischen Poesie und Einfallslosigkeit. Der zweite Höhepunkt des Albums neben „Ghosts of Berlin“ ist dann folgerichtig das erstaunliche Cover von David Bowie’s „Helden“ (ja, der hat das auch mal auf Deutsch gesungen). Ein weiterer Geist sozusagen, den Frau Schröder da in Berlin aufgespürt hat. Und ein wirklich grandioses und abgründiges Cover von einem guten Song, der auch schon oft und gut gecovert wurde, durch diese Version aber eine neue Facette erhält.

Schwache Momente erlebt das Album immer nur dann, wenn Andrea Schröder versucht, dämonisch zu wirken wie in „The Spider“ oder „The Rattlesnake“. Das wirkt angesichts ihres Alters und Aussehens kaum authentisch. Sehr gut dagegen „Fireland“, „Where the Wild Oceans End“ und „Summer Came to Say Goodbye“ und eine Sängerin, von der noch zu berichten sein wird. Für alle Hamburger am 18.03.2014 im Knust, für alle Berliner am 25.04.2014 im Lido.
(8 Punkte)

Diskografie von Andrea Schröder:
2012 – Blackbird
2014 – Where the Wild Oceans End

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