Sucker Punch

Sucker Punch

von Zack Snyder, mit Emily Browning, Vanesse Hudgens, Jena Malone, Jamie Hung, OscarIssac, Carla Gucino und Abbie Cornish

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Alle nennen sie Baby Doll. Wir kennen ihren wirklichen Namen nicht, und sie selber soll ihn auch bald vergessen. Denn ihr Stiefvater hat sie in eine Irrenanstalt einweisen lassen und dafür Sorge getragen, dass bei ihr eine Lobotomie durchgeführt wird. Nicht dass sie noch über die Gründe plaudert, es zu dem Unglück kam, dass sie herführte. In den wenigen verbliebenen Tagen bis zu dem Eingriff setzt sie nun alles daran, aus der Anstalt zu fliehen. Was nicht einfach ist, denn Pfleger Blue führt nicht nur ein strenges Regiment, sondern er führt auch eine Art Nachtclub, in dem die einsitzenden Mädels abends für wohlhabende Gäste tanzen müssen. Und Blue setzt alles daran, dass seine Tänzerinnen das auch weiterhin tun.

Während ihrer ersten Tanznummer passiert nun etwas merkwürdiges: Baby Doll findet sich in einer anderen Welt wieder, in der sie auf einen weisen alten Mann trifft. Der eröffnet ihr, dass sie aus ihrem Gefängnis fliehen kann. Doch dazu braucht sie fünf Gegenstände: Eine Karte, Feuer, ein Messer, einen Schlüssel und ein Mysterium. Allerdings wird sie kämpfen müssen, und das kann sie nicht alleine. Zurück in der Realität versucht sie nun, ihre Mitgefangenen dafür zu gewinnen, eine letzten Kampf gegen ihre Peiniger auszutragen, und zwar sowohl in der Realität wie auch im Traum. Und wenn die säbelschwingenden Mädels sich über Scharen von Zombie-Nazis [sic!] hermachen, hat sich auch der Zuschauer endgültig in einer Traumwelt verloren…

OK. Ich war skeptisch. Sven war skeptisch. Wir haben ihn trotzdem gesehen. Und wurden weggepustet von einer Bilderorgie, die ihresgleichen sucht. Diesen Film in Worte zu packen oder etwas von der Faszination zu vermitteln, die er auf mich ausgeübt hat, muss zum Scheitern verurteilt sein. ich versuche es trotzdem.

Unter anderem nach 300 (den ich mir nicht angetan habe) und Watchmen, der meines Erachtens „fuckin‘ brilliant“ ist, ist das nun also der fünfte Film von Zack Snyder, allerdings der erste, der nicht auf einem Comic basiert. Zack Snyder hat ihn sich selbst ausgedacht. Und, das muss ich respektvoll anerkennen, das hat er gut gemacht. Er hat keine aalglatte, gefällige Pseudohandlung erfunden, die als Alibi für opulente Bilder herhalten muss, sondern er hat sich eine hintergründige, doppelbödige Geschichte ausgedacht, die so manchen Zuschauer etwas ratlos nach Hause gehen lässt.

Geschickt spielt Snyder mit Realitäten und Fantasien, so dass man als Zuschauer nie ganz sicher sein kann, was was ist. Diese Spiel deutet sich bereits zu Beginn an, als sich ein Vorhang auf eine schäbige Bühne öffnet. Die Kamera fährt in die Kulisse herein, wir sehen eine junge Frau auf einem Bett sitzen, die Kamera dreht herum, das Theater ist verschwunden, die Kulisse Realität, und zu einer geschickt neu arrangierten Version von Eurythmics „Sweet Dreams“ werden wir einem bis ins letzte Detail kunstvoll bebilderten düsteren Bilderreigen in die Geschichte eingeführt, die Baby Doll in die Anstalt brachte. Das sorgt nicht nur für Gänsehaut, sondern ist schlichtweg genial.

Dem steht der weitere Verlauf der Geschichte in nichts nach, auch hier sind Ausstattung, Kameraführung und Schnitt stets bis zur Perfektion durchdacht, stets ein bisschen überzogen, stets etwas comichaft, so dass man sich auch hier nie sicher sein kann, ob es nun Traum oder Realität ist. Ausnahme sind die Kampfszenen, bei denen die leicht bekleideten Amazonen in postapokalyptischen Welten gegen besagte Zombie-Nazis, gegen Drachen, gegen Roboter und gegen japanische Killermaschinen kämpfen müssen. Diese Sequenzen sind so bombastisch, so schnell, so opulent, so übertrieben, dass sie nur der Fantasie gepeinigter Seelen entspringen können. Aber es war Zack Snyder, der zur Erschaffung dieser Welten Heerscharen schwer gestörter Zeichner, Grafiker und Computerspezialisten angeleitet haben muss, wie ich es mir nicht mal im Traum ausmalen will. Aber sie funktionieren, sie unterhalten, sie überwältigen, so dass selbst die Zombie-Nazis nicht lächerlich wirken, sondern stimmig. Das gelingt nicht jedem.

Aber Optik ist nicht alles. Snyder bombardiert uns nicht zwei Stunden lang mit Action und Bilderfluten, er lässt uns auch immer Verschnaufpausen, in denen die Figuren im Mittelpunkt stehen, die all das erleben. Und auch wenn die Mädels stets ziemlich aufgebrezelt und in engen Kostümchen durch die Gegend laufen, auch wenn die Grenzen zwischen Gut und Böse mehr als deutlich sind, so hat man die Mädels doch schneller ins Herzgeschlossen, als ein Samuraischwert einen Cyborg zerlegt, und hasst die Bösen mit einer Inbrunst wie Drachenfeuer – derart auf der Klaviatur der Zuschauergefühle zu spielen, will gelernt sein.

Was den Reiz diese Films ausmacht, ist gerade seine Geschichte, die zwar reich bebildert ist, aber immer noch eine Geschichte ist. Wenn einen ein Film noch über Tage beschäftigt, wenn man sich beim Grübeln ertappt, was mit Baby Doll passiert ist, ob es anders hätte verlaufen sollen, oder doch nicht, dann kann man recht sicher sein, dass man einen neuen Meilenstein des Films erlebt hat. Vielleicht nicht für die Presse oder die Filmgeschichte, aber einen persönlichen. Bei mir ist das der Fall. Danke, Zack Snyder. (10/10)

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