Oasis – Dig Out Your Soul


Selten hat es ein Album den Rezensenten so leicht gemacht, ja quasi die Rezension vorweg genommen, wie das neue Album von Oasis. Diese Erkenntnis ergibt sich nicht nur nach dem ersten Hören, sondern auch in dem kausal verknüpften Konsenz der landesweit veröffentlichten Rezensionen. Die wichtigsten Punkte zusammen gefasst: Oasis klingen seit dem Weggang vom Majorlabel SONY BMG wieder etwas inspirierter, bemühen sich mehr denn je wie die Beatles zu klingen (!), Liams Gesang ist nicht mehr ganz so nölig, sondern etwas zurück haltender und ordnet sich besser in das Gesamtklangbild ein, „The shock of the lightning“ ist als erste Single okay, gehört aber nicht zu den besten Stücken von Noel, und man sollte den restlichen Bandmitgliedern in Zukunft wieder verbieten, eigene Songs zu schreiben.

Tja, wie immer ging der Veröffentlichung eines neuen Oasis Albums neben dem obligatorischen Rundumschlag und Kollegen-Bashing von Noel Gallagher (zugegebenermaßen meistens sehr treffend und amüsant) eine große mediale Aufmerksamkeit voraus. Und im Endeffekt ist es dann eben doch nur ein weiteres Oasis Album… aber nicht das schlechteste. Der erste Song „Bag it up“ ist genau das, was man den Brüdern aus Manchester hören möchte, arrogant und intelligent heraus gerotzt, ist es einer dieser eingängigen Oasis Songs, die in der Tradition von „Cigarettes & Alcohol“ oder „Some might say“ stehen und die man am besten laut aufdreht, kurz bevor man am Samstag Abend die Wohnung verlässt, um sich ins Nachtleben zu stürzen. „The Turning“ schließt nahtlos und ebonso groovig, rau und verspielt daran an, der Sound ist akzentuierter als früher und wirkt nicht mehr so zäh wie noch auf dem letzten Album.

Die erste Single „The shock of the lightning“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kracher und überascht mit einem tollen Schlagzeugsolo. Wenn der Song es auf längere Sicht auch auf kein ernst gemeintes Best of-Album schaffen dürfte, so wird „Falling down“ hingegen eine traumhafte zweite Single abgeben und ist vermutlich das Lied, mit welchem man dieses Album in Zukunft am ehesten in Verbindung bringen wird. Auch Liams naives Songwriting in seiner John Lennon Hommage „I’m outta time“ ist etwas, das bleiben könnte, und „(Get off your) High horse lady“ hätte tatsächlich gut auf das White Album der Beatles gepasst. Zum Ende fällt das Album dann leider rapide ab, ein Effekt, der schon beim Vorgänger „Don’t Believe the Truth“ zu beobachten war und wie dort auch mit den Komponisten verhaftet ist.

„To be where there’s life“ ist der wirklich erbärmliche Versuch von Gem Archer einen Song wie „Tomorrow never knows“ zu schreiben, „Ain’t got nothin“ rumpelt genauso kurz wie belanglos vor sich hin und der negative Höhpunkt der Platte ist das nichtssagende „The nature of reality“ von Andy Bell. Diesen Erdrutsch kann auch das abschließende, schön psychedelische „Soldier on“ nicht mehr wettmachen. Was bleibt ist eine Band, die ihren Sound in der Tat weiter entwickelt hat, und eine weitere Platte mit einer Handvoll guter bis hervorragender Songs abliefert. Laut eigenen Aussagen haben sie bereits Material für ein weiteres Album zusammen. Warum in aller Welt haben sie das Material nicht mit einfließen lassen? So wird einem wieder passieren, was einem schon bei den letzten drei Oasis Alben nach dem dritten oder vierten Durchlauf passierte: Man greift ins Regal, zieht The Masterplan hervor und schwelgt in den guten alten Zeiten, als selbst die B-Seiten durchweg grandios waren.
(7 Punkte)

Diskographie von Oasis:
1994 – Definitely Maybe
1995 – (What’s the Story) Morning Glory?
1997 – Be Here Now
1998 – The Masterplan (Best of the B-Sides)
1999 – Standing on the Shoulder of Giants
2002 – Heathen Chemistry
2005 – Don’t Believe the Truth
2008 – Dig Out Your Soul

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