Brügge sehen … und sterben ?

In Bruges

von Martin McDonagh, mit Colin Farrell, Brendan Gleeson, Jordan Prentice, Clémence Poésy und Ralph Fiennes

In Bruges - Soundtrack-Cover

Brügge liegt in Belgien. Es hat 117.000 Einwohner, war 2002 Kulturhauptstadt und seine Altstadt ist UNESCO Weltkulturerbe. Für Auftragskiller Ray ist es die Hölle. Doch bei seinem ersten Auftragsmord ist etwas schiefgelaufen, so dass er mit seinem Mentor Ken in Brügge ausharren muss, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Zu allem Überfluss ist Ken dem Charme von Brügge hoffnungslos verfallen und lässt kein „Highlight“ aus, ob nun Grachtenfahrt, Turmbesteigung oder Museum. Natürlich nie ohne Reiseführer und den extrem schlecht gelaunten, mit schweren Gewissensbissen kämpfenden Ray im Schlepptau. Doch die Lage ändert sich schlagartig, als Ray in der hübsche Chloé (sorry, Tobe) eine andere Seite von Brügge kennen und lieben lernt. Doch das Schicksal schläft nicht, und Gangsterboss Harry erst recht nicht. Denn Verzeihen von Fehlern ist nicht dessen starke Seite…

Wenn jedes Land seine Stärken hat, dann ist es bei den Briten, in der Heimat von Shakespeare und Monty Python, sicherlich das gesprochene Wort und der trockene Humor. Eine Gangsterkomödie mit geschliffenen Dialogen und absurdem Humor aus englischer Feder ist daher schon einmal ein guter Anfang. Diese Komödie aber ausgerechnet in Brügge anzusetzen, ist ein erster, absurder Geniestreich. Und durch die tatkräftige Unterstützung der Fremdenverkehrsbehörde und Stadtoberen, die offensichtlich den Humor des Regisseurs teilen, geriert Brügge tatsächlich zum heimlichen Hauptdarsteller.
Nicht dass sich die übrigen Darsteller hinter Brügges Leistung verstecken müssten, im Gegenteil. Farrell zeigt seine komödiantische Seite, Gleeson zeigt, dass er mehr als nur Augenrollen für Harry Potter kann, Prentice (Station Agent) ist generell den Eintritt wert, und ein extrem gut aufgelegter Ralph Fiennes zeigt als nur mühsam beherrschter Gangsterboss genussvoll, dass er nicht nur auf Patienten und Gärtner festgelegt ist – und alle zusammen zu erleben ist einfach nur ein Genuss.
Soviel Potential will erstmal genutzt werden, und das gelingt Regisseur McMonagh außerordentlich gut. Wie ein geübter Schachspieler bringt er die Figuren und Gags zunächst in gemütlichem Tempo in Position, bevor er sie nach und nach ausspielt und uns am Ende ein stimmiges Finale präsentiert – so erzählt man Geschichten! Der Wortwitz, der lakonische Humor, die zahlreichen Running Gags und Seitenhiebe sowie die teils bizarren Figuren unterhalten bestens, sind dabei aber auch mit einem überraschend tiefgängigen, melancholischen Unterbau versehen. Alle Hauptfiguren haben auf ihre Weise mit Schuld zu kämpfen, und versuchen auf ihre Weise damit umzugehen. Dieses geradezu biblische Thema von Schuld und Sühne findet in Brügge den Katalysator, für die Figuren ist es Himmel und Hölle, Fegefeuer und Paradies zugleich – je nach Sichtweise. Und schließlich müssen alle auf die eine oder andere Art ihren Weg zur Erlösung finden… In Zeiten, in denen übertriebene Brutalität und Grausamkeit im Kino zum Selbstzweck werden kann, ist soviel moralische Hintergründigkeit ein wirklicher Genuss.

Alles in allem also eine sehr unterhaltsame, kurzweilige Gangsterkomödie mit respektablem Tiefgang, fantastischen Darstellern und ein echtes Highlight des Filmjahres. Anschauen! (9)

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