Hamburg rockt wieder: Kettcar – Sylt

Sylt - bestellen„Sylt“ nennen Kettcar überaschend knapp ihr drittes Album. Das verwundert erst ein wenig und lädt dann ein zum freien Assoziieren. Also gut… Sylt… deutsche Nordseeinsel… so einfach kann es nicht sein… Symbol des Elitären und des Spießertums… ein wenig zu platt… schrumpft jedes Jahr um einige Meter, die die See davon trägt… ja, das ist gut… wird über kurz oder lang verschwinden… Symbol der Arroganz und ihrer Vergänglichkeit. Erleben wir hier die zweite Kapitulation einer Hamburger Band innerhalb eines Jahres?

„Man ist immer so alt, wie man sich liebt – da ist man dann besser allein“ wird es einem dann auch gleich im ungewohnt eingängigen ersten Song „Graceland“ folgerichtig vorgeworfen, doch es wäre nicht Kettcar, wenn das nicht zwei Strophen später gleich relativiert würde: „Das ist Graceland, Baby, ich bin einer von ihnen – es gibt ja auch ernsthaft keine Alternativen“. Ähnliches Thema jedoch mit ruhigeren Tönen behandelt auch „Am Tisch“, ein musikalischer Dialog zwischen Sänger Marcus Wiebusch und dem ehemaligen Nationalgalerie-Kopf Niels Frevert, der vor ein paar Wochen ein ganz nettes, aber leider ziemlich belangloses Soloalbum veröffentlichte. Ein wirklich schönes Lied, das in seiner trunkenen Melancholie ein wenig an Element of Crime erinnert. Ein oder zwei Stücke mehr dieser Art hätten dem Album auf jeden Fall gut getan, stattdessen wird schlecht gelaunt weiter gerockt.

„Lieber peinlich als authentisch – authentisch war schon Hitler“ muss man sich da im zugegebenermaßen fett rockenden „Kein außen mehr“ anhören, ein klarer Tipp für die zweite Singleauskopplung. Und so quälen sich Kettcar von einem schwierigen Thema zum nächsten, ohne auch nur ansatzweise Lösungen zu präsentieren. „Geringfügig, befristet, raus“ mit der Zeile „Sind jetzt alle gleich – nur weil wir alle gleich aussehen“ taugt sehr gut zur Hymne des Anti Homo Oeconomicus. „Dunkel“ thematisiert die Frustration Jugendlicher, ohne dass man sich danach auch nur ein Stück besser fühlen könnte. Leider scheint diese teils bleischwere Stimmung so sehr auf einigen Songs zu lasten, dass sie sich nicht aus dem Einheitsgrau des Albums lösen können. Lieder wie „Wir müssen das nicht tun“ oder „Fake for real“ sind wirklich schwere Kost und kaum zu ergründen. Zum Ende bekommen Kettcar dann noch die Kurve mit dem hymnischen Piano in „Würde“ und dem explosiven (!) „Wir werden nie enttäuscht werden“. Also, eine Handvoll sehr guter Songs, aber Du und wieviel von deinen Freunden bleibt klar die beste Kettcar-Platte.
(6 Punkte)

Diskografie von Kettcar:
2002 – Du und wieviel von deinen Freunden
2005 – Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen
2008 – Sylt

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