Alben für den Frühling, Part 2: Bright Eyes – Cassadaga

Bright Eyes - Cassadaga Um eines von Anfang an klarzustellen, Conor Oberst, Sänger, Songwriter und Kopf der Bright Eyes, ist erst 27 Jahre alt und ein absolut begnadeter Musiker und Songwriter. Cassadaga ist bereits sein achtes (!) Studioalbum, hinzu kommen mehrere EPs, Nebenprojekte und ein Livealbum. Besondere Aufmerksamkeit wurde ihm zuteil, als er vor etwa zwei Jahren die beiden perfekten Alben Digital ash in a digital urn und I’m wide awake, it’s morning auf einen Schlag veröffentlichte – zwei Alben, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten. Während das erstere recht düster anmutende, elektronisch angehauchte, durchproduzierte Popsongs enthielt, war letzeres bestimmt von akustisch gehaltenem, zurückhaltend arrangiertem Country-Folk, und ist bei aller Zurückhaltung unbedingt als die emotional mitreißendste Platte des Jahrhunderts zu bezeichnen. Das Talent und die Vielseitigkeit führten Ende 2004 dazu, dass die Bright Eyes mit den beiden vorab veröffentlichten Singles „Lua“ und „Take it easy“ in derselben Woche Platz 1 und 2 der amerikanischen Singlecharts belegten.
Nach dem erfolgreichen Jahr 2005 war Conor Oberst nach eigenen Angaben ausgebrannt und suchte Kraft in einem spirituellen Zentrum in Florida namens „Cassadaga“, in welchem er sich die Zukunft vorhersagen ließ. Neben Krieg sind religiöse und spirituelle Metaphern die bestimmenden Motive des neuen Albums. Im ersten Track „Clairaudients (kill or be killed)“ sind über Telefon die Ratschläge eines Mediums zu hören. In der durchaus radiotauglichen, tollen ersten Single „Four Winds“ wird mit den Weltreligionen abgerechnet, „The Bible is blind, the Torah is deaf, the Qu’ran is mute – if you burned them altogether you’d get close to the truth“. Leider hat die spirituelle Inspiration den Bright Eyes nicht nur gut getan, statt dessen findet sich auf Cassadaga des öfteren der Hang zum großen Pathos. Nach eigenen Angaben wollte die Band den Weg bis zu Kitschgrenze komplett gehen. So wird experimentiert mit Holzbläsern und üppigen, nicht immer gelungenen Streicherarrangements. Das funktioniert teilweise sehr gut wie in dem düsteren Zukunftsszenario „No one would riot for less“, die eigentlich schöne Komposition „Make a plan to love me“ verkommt dadurch jedoch zu einer Burt-Bacharach-Schmierseifennummer. „Soul Singer in a session band“ nervt schon nach einem halben Durchlauf und der Sinn eines „Hot knives“ erschließt sich wohl nur den Künstlern selbst. Cassadaga enthält leider kein neues „At the bottom of everything“ oder „Easy/Lucky/Free“, aber neben den bisher genannten einige schöne Stücke wie „I must belong somewhere“ oder „Coat check dream song“, in denen Conor Oberst spielend sein musikalisches und vor allem textliches (besser: literarisches) Können unter Beweis stellt. Sein unglaubliches Talent, den Hörer mit Worten in den Bann zu ziehen und tief zu berühren, lässt sich an einzelnen Zeilen demonstrieren. Bitte folgende Zeile aus dem „Cleanse song“ ein paar Mal laut hersagen und von Melancholie und Wohlklang erfüllen lassen.

Hear the chimes, did you know,
that the wind, when it blows
it is older than Rome
and our joy and our sorrow

Bitte nicht falsch verstehen, Cassadaga ist keine schlechte Platte, aber in der später mal sehr umfangreichen Diskografie der Bright Eyes wird man sie wohl unter der Kategorie Zwischenübung einstufen.
(7 Punkte)

Diskografie der Bright Eyes
1998 – A collection of songs written and recorded 1995-97
1998 – Letting off the happiness
2000 – Fevers and mirrors
2002 – Lifted or the story is in the soil, keep your ear to the ground
2005 – Digital ash in a digital urn
2005 – I’m wide awake, it’s morning
2006 – Noise Floor (Rarities 1998-2005)
2007 – Cassadaga

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