Der Winter kann kommen: Bon Iver

Man verzeihe das Wortspiel (der Name Bon Iver ist vom französischen „Bon Hiver!“ abgeleitet). Bei dem missratenen Sommer bisher findet das wahrscheinlich auch niemand witzig, aber versprochen: Wer sich das zweite Album von Bon Iver zulegt und sich den aus Sternenstaub gemachten Melodien überlässt, dem ist das Wetter sehr schnell sehr egal.

Als Justin Vernon im Jahr 2008 erstamls als Bon Iver in Erscheinung trat, durfte man zunächst etwas skeptisch sein. Ein Waldschrat, der einige Wintermonate allein in einer einsamen Jagdhütte im Norden Wisconsins verbringt, um sich von einer Trennung zu erholen, und dabei Lieder aufnimmt… das klang erstmal nach klassischem Musik-Marketing. Tatsächlich sind die Lieder auf dem daraus enstandenen Album For Emma, Forever Ago (was für ein grandioser Titel!) von zarter, brüchiger Schönheit, aus denen so viel Schmerz und Enttäuschung tropft, das einige Stücke wie „Flume“, „Skinny Love“ und vor allem „Re: Stacks“ seitdem nicht mehr wegzudenken sind.

Drei Jahre später ist aus dem Projekt Bon Iver nun eine Band geworden, die jetzt quasi ihr Debutalbum vorlegt. Im Vergleich zu dem Vorgänger gleich geblieben sind die Kopfstimme von Justin Vernon, die spektakulär zurückhaltende und dabei atemberaubende Melodieführung. Neu ist die teils opulentere Instrumentalisierung der Stücke. Wenn überhaupt lassen sich die Lieder auf Bon Iver nur noch mit Sigur Rós vergleichen.

Nach Strophe-Refrain-Strukturen braucht man in den Stücken nicht zu suchen. Immer sind die Akkordfolgen und die Melodieführungen schlicht und werden kaum variiert, was die Eindringlichkeit der Stücke noch erhöht. Gerade einmal eineinhalb Minuten benötigt Justin Vernon, um im beginnenden „Perth“ den Zuhörer in seinen melodiösen Bann zu ziehen, und nach spätestens zweieinhalb Minuten hebt man ab. Stücke wie „Holocene“, „Towers“ oder die erste Single „Calgary“ (wobei so etwas banales wie eine Single in diesem Zusammenhang wie ein Fremdkörper wirkt) dringen schon mit der ersten Zeile so tief ins Bewusstsein, dass man sie mit in seine Träume nimmt. Dass das wunderbare,  abschließende „Beth/Rest“ eigentlich wie eine 80er-Schmonzette klingt, ist in der Welt von Bon Iver vollkommen gleichgültig – so etwas wie Trends oder Modeerscheinungen gibt es hier nicht, diese Platte hätte zu jeder Zeit der Musikgeschichte erscheinen können und Erfolg gehabt.

Bon Iver sind das musikalische Manifest dieses Jahres. Man kann es ignorieren oder daran teilhaben. Mit Bon Iver jedoch wird der Winter auf jeden Fall schöner. Um es mit den Worten eines YouTube-Benutzers zu sagen: „So weird, but so beautiful“.

(10 Punkte)

P.S. Bon Iver sind im Oktober und November auf Konzerttour in Europa. Die meisten Konzerte sind jetzt schon ausverkauft, aber vielleicht habt Ihr ja noch Glück!

Diskografie von Bon Iver:
2008 – For Emma, Forever Ago
2009 – Blood Bank EP
2011 – Bon Iver

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