Almanya – Willkommen in Deutschland

Almanya – Willkommen in Deutschland

von Yasemin Samdereli, mit Fahri Ögün Yardim, Demet Gül und Vedat Erincin

© 2010 Concorde Filmverleih GmbH

Was sind wir jetzt – Türken oder Deutsche?

Mit dieser Frage löst der kleine Cenk eine Reihe von Rückblenden aus, in denen er in die Wurzeln seiner Familie eingeweiht wird. Und wir als Zuschauer gleich mit. Wir erfahren, wie sein Großvater seine Großmutter kennenlernte, wie der Opa als Gastarbeiter nach Deutschland kam, die Familie nachholte und sich alle mit der ungewohnten deutschen Kultur anfreunden mussten. Für diese Rückblenden ist auch viel Zeit, denn Oppa Hüseyin hat für die Familie ein Haus in der Türkei gekauft und die Familie zu einem gemeinsamen Ausflug dorthin verdonnert. Dabei haben die doch alle genug eigene Probleme. Enkelin Canan ist unverheiratet, schwanger und Bammel davor, es ihrer Familie zu sagen. Die Söhne Veli und Muhamed sind arbeitslos bzw. stehen vor der Scheidung, der dritte Sohn Ali lehnt alles türkisch sogar ganz ab. Doch wie wir wissen, eine gemeinsame Reise führt nicht nur fort, sondern auch zueinander, so auch diese Familie. Und am Ende weiß auch Cenk endlich, wer er ist…



Bin schwer am überlegen, ob ich Sarrazin mal eine Kinokarte zukommen lasse. Bei den unerträglichen Debatten um Einwanderung und Leitkultur ist dieser Film ein wunderbarer Gegenpol, der uns das Thema Mal aus Sicht der Betroffenen zeigt. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit sehr, sehr viel Humor und viel Herzenswärme. Da wird kein Klischee ausgelassen, wenn die Einwanderer um Hygiene, Schweinefleisch und die seltsame Sprache der Deutschen besorgt sind, und noch weniger, wenn sie sich damit arrangieren. Das mag man dem Film ankreiden, ich sehe da eher den Grundsatz der Waffengleichheit erfüllt.

„Sie werden Mitglied in einem Schützenverein, essen zweimal die Woche Schweinefleisch, schauen jede Woche Tatort, und verbringen jeden zweiten Sommer auf Mallorca.“

Handwerklich ist der Film (für eine deutsche Produktion) erstklassig, er sprüht nur so vor Witz und Ideen. Besonders das Pseudo-Deutsch, das für diesen Film erfunden wurde, ist schlichtweg genial. Man merkt, dass die Autorinnen Yasemin und Nesrin Samdereli einerseits nicht nur sehr viel Herzblut in diesen Film haben einfließen lassen, sondern auch ihre Erfahrungen aus thematisch ähnlich gelagerten Projekten wie „Türkisch für Anfänger“ oder „Alles Getürkt“ in eine gekonnte Umsetzung einfließen lassen konnten.

Die Schauspieler spielen mit nicht weniger Begeisterung, besonders die jungen Großeltern kaspern sich mit so viel Hingabe durch die Rückblenden, dass kein Auge trockenbleibt – ob nun vor Lachen oder aus Rührung. Die Gegenwart mit der Reise in die Türkei setzt da eher auf Zweiteres. Sie ist thematisch deutlich ernster, keine Kindergeschichte wie die Rückblenden, sondern eben das wahre Leben mit all seinen Wendungen. Wobei auch hier wieder die Großeltern mit köstlichen Szenen einer Ehe Maßstäbe setzen, gegen die es die übrigen Darsteller schwer haben. Alles zusammen ergibt einen herrlich runden, melancholischen wie witzigen, klischeebeladenen aber wahrhaftigen Film ab, der nur uneingeschränkt empfohlen werden kann. Hat jemand Sarrazins Adresse? (9/10)

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