Element of Crime – Immer da wo du bist bin ich nie

Element of Crime

Element of Crime


Element of Crime präsentieren mit Immer da wo du bist bin ich nie das wertvollste deutschsprachige Album seit Wir sind Helden mit Soundso vor zwei Jahren. Und so beginnen wir dieses Mal mit einem Zitat:

„Wenn die Sonne noch weiter nach rechts rückt – und ich fürchte, sie wird das noch tun
Scheint sie mir voll in die Augen – und dann mache ich die einfach mal zu
Und hör mir in Ruhe den Rentner an – der am Nachbartisch ungefragt schreit
Dass er `76 schon Punk war – und immer zum Pogo bereit“


Ist das jetzt lustig oder traurig? Element of Crime sind ein Phänomen, welches man vielleicht am besten so beschreiben kann: Wer bei „Weißes Papier“ nicht weinen oder bei „Bring den Vorschlaghammer mit“ nicht lachen muss, wer bei einem Element of Crime-Konzert nur ungläubig befremdet die Augenbrauen hebt, wenn Sven Regener zwischen den Liedern seine (ziemlich kurzen) Arme in die Höhe stemmt und dazu „ROMANTIK“ ins Mikrofon röhrt, wer vielleicht sogar bei der Lektüre von „Neue Vahr Süd“ gelangweilt darauf wartete, dass die scheinbar endlos aneinander vorbei mäandernden Dialoge doch endlich enden mögen, der muss an dieser Stelle nicht weiter lesen.

Denn bei Sven Regeners Texten geht es nie um das große Ganze, sondern immer um die Zwischentöne des Lebens – die Augenblicke, in denen scheinbar gar nichts passiert. Dies sind die Bilder, die in den Liedern von Element of Crime fotografisch genau festgehalten werden und dabei wechselweise vor Komik und Absurdität, Sehnsucht und Tragik nur so strotzen. Dieses Konzept wird authentisch abgerundet durch eine Band voller Typen, denen offenbar alles scheißegal ist – etwa wie bescheuert sie auf ihrem neuen Plattencover aussehen – solange sie nach ihren Konzerten nur irgendwo in einem Gartencafé sitzen und ihr wohlverdientes Bier picheln können.

Und am Ende dreht sich eh alles um die Suche nach Wärme und Geborgenheit. Ein Trottel, wer dabei gleich an Liebe denkt. Meisterhaft, wie in den wunderschönen „Am Ende denk ich immer nur an dich“, „Einer kommt weiter“ und „In mondlosen Nächten“ thematisch die Brücken zwischen der erlebten Situation und der gefühlten Sehnsucht geschlagen werden. Bei dem schleppenden „Kaffee und Karin“ sitzt man als Zuhörer neben dem Protagonisten mit alkoholfreiem Bier und Whisky, die „Teil einer Demonstration, gegen die Dramatisierung seiner Lebenssituation“ sind. Und in „Bitte bleib bei mir“ trauert man zusammen mit der Möchtegern-Spargelkönigin, die aus Altersgründen nicht mehr kandidieren darf.

Die beiden musikalischen Höhepunkte des Albums sind das dylanesque „Immer da wo du bist bin ich nie“ mit seinem bewusstseinserweiterten Text sowie das unglaublich eingängige „Der weiße Hai“, welches eingefleischte Element of Crime-Fans wohl zunächst etwas ratlos machen dürfte. Ein Zitat aus dem Titellied muss noch sein:

„Immer wenn ich Pillen nahm – und hinterher beim Fahrradfahren
Beim Steintor in die Rillen kam – gezogen für die Straßenbahn
Und in der Luft die Arme wie – zur Massenhysterie-bekämpfung
Schwenkte und auf’s Pflaster fiel – dachte ich, ich wär am Ziel“

Wenn sich dann am Ende dieser wunderbaren Liedersammlung, in einem Sparschwein, welches ganz hinten im Kleiderschrank vergessen wurde, Euro und Markstück die Hände reichen und sagen, dass sie sich lieb haben, dann ist man von warmen und versöhnlichen Gefühlen durchströmt. Der Winter kann kommen.
(9 Punkte)

(Deutschsprachige) Diskografie von Element of Crime:
1991 – Damals hinterm Mond
1993 – Weißes Papier
1994 – An einem Sonntag im April
1996 – Die schönen Rosen
1999 – Psycho
2001 – Romantik
2005 – Mittelpunkt der Welt
2009 – Immer da wo du bist bin ich nie

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