Bloc Party – Intimacy

Vorsicht: Cover und Titel des neuen Bloc Party Albums sind äußerst irreführend. Wer hier Musik zum Knutschen erwartet, wird bereits nach wenigen Sekunden erschrocken den Lautstärkeregler nach unten drehen oder an einem Tag mit schwachen Nerven gleich die CD wechseln. Intim an diesem Album sind nur die düsteren Texte – die Musik ist hektisch, nervig, unentschlossen, zerfasert und einfach nur geil.

Die Songs auf Intimacy sind zum Teil eine konsequente Weiterentwicklung des Sounds, der schon auf dem letzten Album A Weekend in the City zu erkennen war: Weg vom Indie-Brit-Pop des grandiosen Debuts Silent Alarm in Richtung elektronischer Klänge, fetter Breakbeats und überbordenden Produktionen. Folgerichtig gehören die ersten beiden Songs „Ares“ und „Mercury“, beides Gottheiten aus der römischen Mythologie, zu dem aufregendsten aber auch verstörendstem, was man in diesem Jahr zu hören bekam. Während man an schlechten Tagen dabei fast schon körperliche Schmerzen empfinden kann, lässt der druckvolle Sound einen an guten Tagen regelrecht abheben. Das destruktivistische Schlagzeug am Ende von „Ares“ oder das beim zweiten „Refrain“ von „Mercury“ einsetzende Keyboard, so tief gespielt, dass man es mehr spürt als hört, sind experimentelle Großtaten.

Der dritte Song „Halo“ steht dann auch gleich für die zweite Facette des Albums, die Rückbesinnung, und klingt wie eine der nervösen Nummern des Debuts („Helicopter, „The Pioneers“). Auch „Trojan Horse“ und das eingängige „One Month Off“, trotz des ziemlich zerfransten Schlussteils, hätten gut auf das Debut gepasst. Dazwischen finden sich die ruhigeren Stücke des Albums, die dem Hörer jedoch nur vordergründig eine Verschnaufpause gewähren. Achtet man auf die Texte, so wird man von dem zutiefst traurigen „Biko“ und dem ohnmächtigen „Signs“ zu Boden gedrückt. Zeilen wie “At your funeral I was so upset – in your life you were larger than this” sind von einer Intensität, dass für Menschen mit Depressionen eigentlich ein Warnhinweis auf der CD kleben müsste.

Einige der Lieder auf Intimacy sind von Soundeffekten und Produktion derart überladen, dass sie zusammen zu brechen drohen. So sind die Bläser am Ende von „Mercury“ genauso überflüssig, wie die 80er Jahre Drums in Biko. Am homogensten funktioniert die Symbiose aus altem Songwriting und aufwendiger Produktion noch in der zweiten Single „Talons“, ansonsten findet sich immer irgendwo ein Zirpen, Stottern oder Fiepen. Das wirkt jedoch alles andere als beliebig, sondern eher so, als sollte der Hörer bloß nicht zur Ruhe kommen, während Kele Okereke seine vielseitigen Gedanken zu Krieg, Trennung und Tod vorträgt. Und so bleibt man nach dem letzten, nur bedingt beruhigenden Song „Ion Square“ etwas unsicher und verstört zurück und drückt schließlich wieder auf Start, um noch einmal diesen völlig kranken Anfang von „Ares“ zu hören.
(9 Punkte)

Diskografie von Bloc Party:
2005 – Silent Alarm
2005 – Silent Alarm remixed
2007 – A Weekend in the City
2008 – Intimacy

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