Tocotronic – Kapitulation

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Deutschlands Vorzeige-Indie-Band legt ihr neues Album auf die Ladentische der Republik und alle Musikrezensenten landesweit stimmen ein in den Chor der Lobhuldigung. Dies allein sollte schon nachdenklich stimmen, noch mehr jedoch angesichts der Tatsache, dass es sich um das erste Album der Hamburger auf einem Major-Label handelt. Mehr als ein Jahrzehnt lang blieben Tocotronic sie ihrem Independent-Label L’Age D’Or treu, konnten dieses aber nicht vor dem Konkurs bewahren. Ist es also eine logische Konsequenz einer solchen Band, ihre erste Major-Veröffentlichung ausgerechnet Kapitulation zu nennen? Oder ist es nicht vielmehr eine gewiefte Marketingstrategie, erdacht, den Kritikern schon vorab den Wind aus den Segeln zu nehmen? Wie auch immer, es war clever und ungemein erfolgreich.
So, auch auf die Gefahr hin, im Hamburger Schanzenviertel Trainingsjackenverbot zu bekommen: Kapitulation ist nicht das beste Tocotronic-Album aller Zeiten, wie es einem auf dem Sticker vom Plattencover entgegengerufen wird. Es ist aber doch eine wohltuende Abwechslung zu der Wir-sind-auch-froh-wenn-wir-nur-dritter-werden- Stimmung im Deutschland, die deswegen noch lange nicht schlecht sein muss. Es liegt wirklich ein angenehm verlockender Reiz in den Texten von Dirk von Lotzow, der uns in quasi jedem Stück der neuen Platte dazu auffordert, aufzugeben, das eigene Versagen zu akzeptieren, ja, zu kapitulieren. Die befreiende und individualisierende Wirkung entfaltet sich bereits im grandiosen ersten Stück „Mein Ruin“. Mein Ruin ist mein Bereich, denn ich bin nicht einer von Euch – mein Ruin ist, was mir bleibt, wenn alles andere sich betäubt. Das ganze vorgetragen und in Frage gestellt mit der Tocotronic eigenen entwaffnenden Ehrlichkeit: Mein Ruin, das ist mein Ziel – die Lieblingsrolle, die ich spiel. Die eingängige Single „Kapitulation“ mit der Zeile, Lasst uns an alle appellieren, wir müssen kapitulieren, bringt uns endlich wieder die Phrasen, die man an Hauswände sprühen möchte und die Tocotronic mit Liedern wie „Samstag ist Selbstmord“ oder „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ so popkulturfähig gemacht haben. Das ist hervorragend, das wollen die bebrillten, Anti-Frisuren und Adidas-Jacken tragenden Spacken in Hamburg hören.
Leider hält die Platte das Niveau der ersten beiden Stücke nicht durchgehend. „Aus meiner Festung“ nervt mit Zitaten aus dem Unterschichtenfernsehen, „Harmonie ist eine Stragtegie“ klingt erschreckend nach Blumfeld und „Sag alles ab“ führt einem schmerzlich vor Augen, das Tocotronic nie wieder ein Lied wie „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ schreiben werden. Der Rest ist feinster deutscher Indie-Pop mit wohlakzentuierter Instrumentierung und manchmal leider zu wenig verzerrten Gitarren. „Verschwör Dich gegen Dich“ ist so melodisch und hypnotisch, dass es fast an „Hi Freaks“ heranreicht, „Imitationen“ ist in seiner Einfachheit ein brillianter Sommerhit und „Luft“ eine herrlich arrogante Ablehnung des Spießertums: Ja, ich habe heute nichts gemacht – ja, meine Arbeit ist vollbracht.
Kapitulation wird einem demnächst aus jeder zweiten, guten Kneipe entgegenschallen und das ist eine Sache, über die man sich trotz aller Melancholie auch mal freuen kann.
(7 Punkte)

Diskografie (Auszug) von Tocotronic:

1994 – Digital ist besser
1995 – Nach der verlorenen Zeit
1996 – Wir kommen, um uns zu beschweren
1997 – Es ist mir egal, aber
1999 – K.O.O.K.
2002 – Tocotronic
2005 – Pure Vernunft darf niemals siegen
2007 – Kapitulation

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