Isolation Berlin im KOHI, 08.04.2016

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Da muss ich erst 40 werden, zweifacher Vater und in die Provinz ziehen (nix für ungut, Karlsruhe!), um die ambitionierteste Berliner Band seit Ton Steine Scherben zu erleben. Das KOHI ist ein symphatischer Kulturverein in der Karlsruher Südstadt (so etwas wie die Schanze von Karlsruhe, jaja witzig!). Hier zahlt man keinen Eintritt – hier wird man gleich Mitglied. In meinem Fall: Testmitglied für eine Woche. Der Laden ist brechend voll, es passen kaum mehr als 100 Leute in den Konzertraum, allesamt älter als die vier isolierten Berliner auf der „Bühne“.

Schon bei den ersten Takten von „Produkt“ wird jedem im Raum klar, dass das hier nicht der Auftritt irgendeiner Schülerband ist, sondern dass Isolation Berlin sehr bald vor vielen, sehr vielen Menschen spielen wird. Und dass hier eine Band eine Karriere startet, deren Ende sie selbst bestimmen können. Sänger Tobias Bamborschke verfügt genau über die Mischung aus authentischer Darbietung und ironischer Selbstdistanz, die einen charismatischen Frontmann ausmacht. Dass seine Stimme dabei stark an Rio Reiser erinnert und in seinen Texten bisweilen der melancholische Witz von Sven Regener durchblitzt, dürfte dabei nicht schaden. Max Bauer wechselt virtuos zwischen Keyboard und Gitarre und gibt den Liedern die musikalische Tiefe. Bassist David Specht und Schlagzeuger Simeon Cöster geben den Liedern ihren Rahmen.

Gut, ich will jetzt nicht so tun, als wären Isolation Berlin noch gänzlich unbekannt. Bereits 2014 erschien die erste Aquarium EP, die ihnen mit „Alles grau“ gleich einen ersten kleinen Hit bescherte. 2015 folgte die wesentlich lautere und wütendere Körper EP mit dem verstörenden „Körper“ und dem programmatischen „Isolation Berlin“. Anfang dieses Jahres wurde dann mit Und aus den Wolken tropft die Zeit das erste vollwertige Album veröffentlicht. Und es ist ein gutes Debutalbum geworden. Die Musik ist spontan und direkt, die Texte pendeln zwischen Liebeskummer, Selbszweifel und Misanthropie und auch wenn vereinzelt das Songwriting noch etwas holpert, finden sich auf Und aus den Wolken tropft die Zeit viele Stücke, die in ein paar Jahren als Klassiker gelten werden, wenn die Band ihr unerhörtes Potential ausgeschöpft hat. (Bitte mal „Herz aus Stein“ anhören!)

Das Publikum an diesem Abend scheint der gleichen Meinung zu sein. Kaum einer im Saal, der nach spätestens zwei Liedern nicht tanzt. Überraschend ist dabei, das jedes der stilistisch variierenden Stücke dankbar aufgenommen wird. Vom traurig-schunkelnden „Du hast mich nie geliebt“ zum trotzig-poppigen „Aufstehn, losfahrn“, vom epischen „Isolation Berlin“ bis zum durchgeknallten, völlig zurecht so betitelten „Wahn“.
Am Ende verlassen Isolation Berlin die Bühne – und haben gut 100 neue Fans gewonnen, die sich später mal erzählen werden: „Weißt Du noch, die haben wir damals in ’nem ganz kleinen Club gesehen…“

Diskografie
2014 – Aquarium EP
2015 – Körper EP
2016 – Berliner Schule / Protopop (Re-release der beiden EPs in einem Album)
2016 – Und aus den Wolken tropft die Zeit

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