Der älteste Baum Deutschlands: Die Dorflinde von Schenklengsfeld

Zugegeben: Das ist schon ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, denn wer will schon mit letzter Sicherheit ausschließen, dass sich nicht doch in irgendeiner Uckermark’schen Moorwiese ein altes verkrüppeltes Fichtengeflecht finden lässt, unter dem schon ein knochennagender jungsteinzeitlicher Mitteleuropäer seine Notdurft verrichtet hat. In Konsequenz schmücken die Schenklengsfelder ihr 1250 Jahre altes Prachtexemplar von Baum auch nicht mit dem Titel „Ältester Baum Deutschlands“, sondern mit „Älteste Dorflinde Deutschlands“. Das dürfte soweit korrekt sein. Und während man unter den mächtigen ausladenden Ästen dieses Baumes spaziert und einem bewusst wird, dass der Baum etwa zeitgleich zur Krönung Karls des Großen zum Frankenkönig gepflanzt wurde, dann beschleicht einen ein Gefühl aus Ehrfurcht und wohltuender Bedeutungslosigkeit.

Zunächst muss man sich natürlich fragen, wie das Alter von solchen Bäumen überhaupt bestimmt wird. Zum einen kann man die Jahre einfach zählen, wenn der Baum seit seiner Pflanzung schriftlich dokumentiert ist. Das kann hin und wieder gegeben sein, besonders bei Dorflinden, die im Mittelalter nicht nur das Zentrum eines Ortes markierten, sondern auch Versammlungsstätte für Märkte und Gerichte waren und die Besucher der Veranstaltungen mit ihrem Blätterdach vor Regen und Sonne schützten.

Im Allgemeinen sind Bäume und ihr Alter natürlich nicht so gut dokumentiert, so dass man sich mit gewiefteren Methoden behelfen muss. Die Bestimmung über die Zählung der Jahresringe hat den unschönen Nebeneffekt, dass man den Baum dafür erstmal fällen muss, so dass am Ende nur die Aussage: „Dies war der älteste Baum Deutschlands“ getroffen werden könnte. Die Altersbestimmung über die Dicke bzw. den Durchmesser eines Baumstamms ist umstritten, da der Zuwachs pro Jahr stark schwanken kann. Im Fall der Dorflinde von Schenklengsfeld ist es quasi unmöglich, da es sich um vier isolierte Stämme handelt, die einst aus demselben Wurzelstock gezogen wurden und deren Äste über die Jahre über einen Rundgang aus Holzbalken geleitet wurden, um ein möglichst breites Dach zu bilden. Das ist gelungen – die Linde hat in einer Höhe von 10 Metern einen Durchmesser von fast 25 Metern. Läuft man einmal den Rundgang ab, so hat man ca. 65 Meter Strecke zurückgelegt und kann sich im Schatten der Baumkrone ausruhen.

Bleibt also im Zweifelsfall nur noch die Altersbestimmung durch die Radiokarbondatierung, vielen besser bekannt als C14-Methode. Mit dieser Methode wurde erst kürzlich in Nordschweden eine 9550 Jahre (!) alte Fichte entdeckt, wobei eigentlich nur das Wurzelwerk so alt sein soll und der Baum selbst als „geklont“ gilt. Diese schwedische Fichte, inzwischen Old Tjikko getauft, sieht ziemlich unscheinbar aus, ist damit aber fast doppelt so alt wie der älteste „nicht-geklonte“ Baum der Welt, Methuselah, eine deutlich spektakulärere Kiefer in den White Mountains an der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada, die es auf 4842 Jahre bringen soll.

Ganz so alt werden die Bäume bei uns anscheinend nicht. Hierzulande gehören Eiben, Buchen, Eichen und eben Linden zu den ältesten Baumgattungen, wobei es fast ausschließlich Eichen und Linden sind, deren Alter mit 600 bis 1000 Jahren oder in einer Handvoll von Fällen sogar mit über 1000 Jahren angegeben sind.

Zurück im Schatten der Linde von Schenklengsfeld kann man sich nun überlegen, dass der Baum im Jahre 955, als Otto der Große die zerstrittenen germanischen Streitmächte im Kampf gegen die Magyaren vereinte – was heute als die Geburtsstunde Deutschlands angesehen wird, bereits stattliche Ausmaße gehabt haben muss. Als Luther mit seinen 95 Thesen die Reformation einleitete, war der Baum bereits 750 Jahre alt und der dreißigjährige Krieg für ihn kaum mehr als ein Augenzwinkern. Die politischen Verwirrungen des Zwanzigsten Jahrhunderts hat er vermutlich mit der Altersmilde eines greisen, alten Baumes hinweggelächelt und jetzt… jetzt hat ein Sonnenstrahl seinen Weg durch das Blätterdach gefunden und blendet unsere Augen – machen wir sie einfach mal zu. Der Baum wird noch da sein, wenn wir sie wieder öffnen.

Ein Gedanke zu „Der älteste Baum Deutschlands: Die Dorflinde von Schenklengsfeld

  1. Thore Petersen

    Guten Tag, Herr Jürgens!

    Da ich ja nun auch wieder online bin, kann ich Deine Internetseite „genießen“ –
    wirklich sehr nett.
    Die besten Grüße von den 4 Löptinern

    Antworten

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